Reform der Ehe- und Familienbesteuerung

Stand Mai 2019

Das Wichtigste in Kürze

Am 21. März 2018 hat der Bundesrat die Botschaft zum Bundesgesetz über die Beseitigung der Heiratsstrafe und Erzielung ausgewogener Belastungsrelationen bei der Ehepaar- und Familienbesteuerung verabschiedet. Die Vorlage würde die «Heiratsstrafe» bei der direkten Bundessteuer beseitigen.

Am 10. April 2019 hat das Bundesgericht die Volksabstimmung vom 28. Februar 2016 über die Volksinitiative «Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe» annulliert. Gemäss Bundesgericht wurden die Abstimmungsfreiheit und das Transparenzgebot verletzt. Der Bundesrat wird nach Vorliegen der schriftlichen Urteilsbegründung über das weitere Vorgehen entscheiden.

Zusätzlich zur Revision der Ehepaarbesteuerung sollen bei der direkten Bundessteuer die Kosten für die Drittbetreuung der Kinder steuerlich besser berücksichtigt werden. Am 9. Mai 2018 hat der Bundesrat die Botschaft zur steuerlichen Berücksichtigung der Kinderdrittbetreuungskosten verabschiedet. Dieser Vorlage hat der Nationalrat bereits zugestimmt. Er hat sich dafür ausgesprochen, zusätzlich auch den allgemeinen Kinderabzug zu erhöhen.


Ausgangslage

Heute bezahlen bei der direkten Bundessteuer immer noch zahlreiche Zweiverdienerehepaare und zahlreiche Rentnerehepaare mehr Steuern als Konkubinatspaare in gleichen wirtschaftlichen Verhältnissen. Übersteigt diese Mehrbelastung der Ehepaare zehn Prozent, so liegt gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung eine verfassungswidrige Ungleichbehandlung vor. Auch die heutige Belastungsrelation zwischen Einverdiener- und Zweiverdienerehepaaren wird zum Teil als unausgewogen qualifiziert.

Die Zahl der von der «Heiratsstrafe» betroffenen Ehepaare ist der ESTV nicht bekannt. Die ESTV verfügt nicht über die erforderlichen statistischen Daten, um diese Zahl zu ermitteln.

Die ESTV hat die Anzahl betroffener Ehepaare daher jeweils lediglich grob schätzen können. Die letzte Schätzung im Juni 2018 auf Basis der Bundessteuerstatistik 2013 ergab, dass rund 450’000 Zweiverdienerehepaare und 250'000 Rentnerehepaare von der «Heiratsstrafe» betroffen sind; d.h. die Bundessteuer ist für diese Ehepaare mindestens 10% höher als für Konkubinatspaare in gleichen wirtschaftlichen Verhältnissen.

Ein externer Gutachter hat diese Schätzung der ESTV im Herbst 2018 überprüft. Er kommt zum Schluss, dass die ESTV die Schätzmethode technisch korrekt angewendet hat. Gleichzeitig betont er, dass die Schätzung mit erheblicher Unsicherheit behaftet ist, weil die der ESTV zur Verfügung stehenden Daten unzureichend sind. Die Schätzung beruht daher notwendigerweise auf verschiedenen Annahmen (insbesondere zur Aufteilung der Einkommen auf die Ehegatten). Eine Veränderung dieser Annahmen kann zu Veränderungen der Anzahl der von der «Heiratsstrafe» betroffenen Ehepaare in sechsstelliger Höhe führen.

Zentrale Massnahmen

In seiner Botschaft schlägt der Bundesrat als Lösung nun das Modell «alternative Steuerberechnung» vor. Dabei berechnet die veranlagende Behörde in einem ersten Schritt die Steuerbelastung der Ehepaare im Rahmen der ordentlichen gemeinsamen Veranlagung. In einem zweiten Schritt wird eine alternative Berechnung der Steuerbelastung vorgenommen, die sich an eine Besteuerung von Konkubinatspaaren anlehnt. Der tiefere der beiden Steuerbeträge wird dem Ehepaar in Rechnung gestellt. Im Ergebnis ist die alternative Steuerberechnung eine Tarifkorrektur, die eine allfällige Benachteiligung von Ehepaaren bei der Steuerberechnung aufhebt.

Die alternative Steuerberechnung wirkt sich sehr gezielt auf die Beseitigung der Heiratsstrafe aus und verursacht weniger Mindereinnahmen als andere Modelle. Entlastet werden auch Ehepaare, die weniger als 10 Prozent mehr Steuern bezahlen als Konkubinatspaare in gleichen wirtschaftlichen Verhältnissen. Gleichzeitig wird mit der Einführung eines Einverdienerabzugs dafür gesorgt, dass die Differenz zwischen den Steuerbelastungen von Ein- und Zweiverdienerehepaaren nicht zu gross wird.

Das Modell beinhaltet sowohl Elemente der Individualbesteuerung wie auch Elemente der gemeinsamen Besteuerung und entspricht daher einem Kompromiss. Da sich das Modell nur auf die direkte Bundessteuer auswirkt, können die Kantone ihre Lösung für die Ehegattenbesteuerung beibehalten. Es ist daher relativ rasch umsetzbar.

Aufgrund der gegenüber dem geltenden Recht tieferen Grenzsteuerbelastung werden die Arbeitsanreize erhöht. Es ist insbesondere von einer Mobilisierung des Arbeitskräfteangebots von Zweitverdienerinnen und Zweitverdienern auszugehen. Die alternative Steuerberechnung dürfte mittelfristig Beschäftigungseffekte von grob geschätzt 15’000 Vollzeitstellen mit sich bringen.

Unverheiratete Personen mit Kindern

Bei der direkten Bundessteuer erhalten heute alleinerziehende Personen die für Ehepaare vorgesehene tarifliche Ermässigung. Von dieser Sonderregelung profitieren auch im Konkubinat lebende Personen mit Kindern, obwohl ihre Einkommen nicht wie bei einem Ehepaar addiert werden. Diese verfassungswidrige Privilegierung (Konkubinatsbonus) ist eine der Ursachen für die steuerliche Benachteiligung von Ehepaaren.

Bei der direkten Bundessteuer soll daher neu für unverheiratete Personen mit Kindern stets der Grundtarif anstelle des Verheiratetentarifs zur Anwendung kommen. Dies hat zur Folge, dass für Konkubinatspaare mit Kindern in Abhängigkeit des Einkommens die Steuerbelastung steigt.

Ein Wechsel zum Grundtarif ohne Korrektive würde auch bei den Alleinerziehenden zu einer Mehrbelastung gegenüber dem geltenden Recht führen. Aus sozialpolitischen Gründen soll diese Mehrbelastung mit einem Abzug von der Bemessungsgrundlage in der Höhe von 11‘500 Franken für die alleinerziehenden Steuerpflichtigen kompensiert werden.

Sowohl für unverheiratete Paare mit Kindern wie auch für Alleinerziehende soll der heutige Abzug vom Steuerbetrag pro Kind beibehalten werden.

Finanzielle Folgen

Auf Basis der Bundessteuerstatistik 2015 und hochgerechnet auf das Jahr 2020 bewirkt der Reformvorschlag des Bundesrates geschätzte Mindereinnahmen von 1,4 Milliarden Franken. Davon entfallen 78,8 Prozent auf den Bund und 21,2 Prozent auf die Kantone (gemäss STAF).

Bei den Kantons- und Gemeindesteuern ändert sich durch die Vorlage nichts, weshalb sich auch keine finanziellen Auswirkungen ergeben.

Steuerliche Berücksichtigung der Kinderdrittbetreuungskosten

Die Kosten für die ausserfamiliäre Betreuung von Kindern sollen steuerlich besser berücksichtigt werden. Bei der direkten Bundessteuer sollen neu bis zu 25‘000 Franken pro Kind abzugsfähig sein. Heute liegt der Maximalbetrag bei 10‘100 Franken. Kurzfristig führt die Massnahme bei der direkten Bundessteuer zu geschätzten Mindereinnahmen von 10 Millionen Franken, wovon die Kantone 2,1 Millionen Franken (21,2 Prozent gemäss STAF) zu tragen haben. Die Vorlage erfolgt im Rahmen der Fachkräfteinitiative (FKI), die zum Ziel hat, negative Erwerbsanreize im Steuersystem zu reduzieren. Die Erwerbsanreize werden durch die Reform gestärkt, insbesondere für gut qualifizierte Mütter. Kurz- bis mittelfristig ist mit einer Zunahme um schätzungsweise 2‘500 Vollzeitstellen zu rechnen. Auf längere Sicht ist davon auszugehen, dass sich die Massnahme aufgrund der positiven Beschäftigungsimpulse selber finanziert.

Stand der Arbeiten

Die Vorlage zu den Kinderdrittbetreuungskosten befindet sich zurzeit in parlamentarischer Beratung.

Bei der Ehepaarbesteuerung werden Bundesrat und Parlament das weitere Vorgehen noch festlegen müssen.

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