Grusswort an der DV des Frauenbund Schweiz
Weinfelden, 30. Mai 2026

Es gilt das gesprochene Wort
Geschätzte Co-Präsidentinnen
Geschätzte Damen und Herren
Es ist schön, wieder einmal vor lauter Frauen zu sprechen. Sie haben richtig gehört: «vor lauter» - und nicht etwa «vorlauter»! Obwohl: Etwas vorlaut zu sein, das schadet manchmal ja auch nichts. Der Duden umschreibt die Bedeutung von «vorlaut» wie folgt:
«Sich ohne Zurückhaltung in einer Weise äussernd, einmischend, dass es als unangemessen, frech empfunden wird»
Die Frage ist: Gibt es einen gesellschaftlichen Konsens darüber, was unangemessen, was frech ist? Das ist ja immer auch ein subjektives Empfinden. Jemand, der keinen Widerspruch duldet, wird das wohl etwas anders empfinden als jemand, der sich gerne mit anderen Meinungen auseinandersetzt.
Natürlich ist das subjektive Empfinden aber immer auch gesellschaftlich geprägt, und es unterliegt damit zugleich dem Wandel der Zeit. Das zeigt gerade die Geschichte der politischen Frauenbewegung.
Sie beschäftigen sich anschliessend mit dem Thema «Frauenrechte. Erkämpft, nicht geschenkt». Es ist heute nur noch schwer vorstellbar, welchen Zuschreibungen die Frauen im Laufe dieses Kampfs ausgesetzt waren. Vielleicht kennen Sie dieses furchtbare Plakat gegen das Frauenstimmrecht: Es zeigt eine Frau mit scharfer Nase, rot unterlaufenen Augen, mit zwei spitzen Zähnen und Haaren auf der Wange - und darüber stand: «Wollt Ihr solche Frauen?». Das Plakat stammt aus dem Jahr 1920 und wurde von Gegnern des kantonalen Frauenstimmrechts in Basel-Stadt verwendet.
Der Bundesrat hatte dann 1957 zugunsten des Frauenstimmrechts auf eidgenössischer Ebene immerhin offiziell festgehalten, dass es – ich zitiere – «auch die Auffassung der heutigen Medizin sein dürfte, dass die Intelligenz nicht ausschliesslich nach dem relativen Gewicht des Gehirns bestimmt werden kann». Genutzt hat das gute Zureden des Bundesrats für das Frauenstimmrecht nichts: 1959 verwehrten zwei Drittel der stimmberechtigten Männer den Frauen dieses fundamentale demokratische Recht.
Bis 1971 hatten die Frauen auf Bundesebene keine eigene Stimme. Im schönen Appenzell Innerrhoden dauerte es bekanntlich noch ein bisschen länger. Die Frauen mussten sich also Gehör verschaffen, um zu ihren Rechten zu kommen. Nicht nur in der Öffentlichkeit, in der Politik, auch zu Hause und im Beruf, beim Vater, beim Ehemann, beim Arbeitgeber. Und man verschafft sich kein Gehör, wenn man allzu leise tritt.
Wenn man gehört werden will, muss man aber auch Widerspruch aushalten. Nur so entsteht ein Dialog. Und wie wichtig Dialog ist, gerade auch in diesen schwierigen, von schweren Konflikten geprägten Zeiten, das hat diese Woche auch Papst Leo in seiner Enzyklika festgehalten. Echter Dialog, zwischen Menschen, zwischen Nationen. Nicht zwischen Chatbots.
Aufgefallen ist mir auch, wen Papst Leo am Ende seiner Enzyklika ins Zentrum stellt. Es ist nämlich eine Frau: Maria. Ihr vertraut er seinen Wunsch an, dass auch unsere Epoche zu einer «Geschichte des Heils» wird.
Geschätzte Anwesende
Ich habe nie viel davon gehalten, Frauen und Männer auseinanderzudividieren. Es gibt ja weder «die Frau», noch gibt es «den Mann». Das heisst aber nicht, dass sich Frauen nicht zusammentun sollen. Dass man sich unterstützt, auch dann, wenn man nicht gleicher Meinung ist. Oder vielleicht dann erst recht. Denn die Frauen brauchen nicht nur eine Stimme, sie brauchen viele Stimmen.
Der Frauenbund ist eine dieser Stimmen und ich wünsche Ihnen allen, dass Sie gemeinsam viel bewegen können. In der Politik und in der Kirche. Ich danke Ihnen herzlich für die Einladung und für Ihre Aufmerksamkeit, und ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Delegiertenversammlung und anregende Gespräche.
Vielen Dank.
Federal Councillor Karin Keller-Sutter

Biography
Federal Councillor Karin Keller-Sutter has been Head of the Federal Department of Finance FDF since January 2023.

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