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RedenVeröffentlicht am 28. Mai 2026

Rede zu 1 Jahr Katastrophe von Blatten

28. Mai 2026 - Blatten

Bundesrätin Karin Keller-Sutter hält eine Rede anlässlich einer Gedenkfeier ein Jahr nach dem Erdrutsch von Blatten.

Es gilt das gesprochene Wort

Herr Gemeindepräsident
Herr Staatsratspräsident
Geschätzte Vertreterinnen und Vertreter der Behörden
Liebe Blattnerinnen und Blattner
Geschätzte Damen und Herren

Vor einem Jahr stand die Schweiz still. Ich kann mich an diesen Moment genau erinnern. Ich befand mich auf dem Weg nach Irland, als sich die Katastrophe ereignete. Als damalige Bundespräsidentin war für mich klar: Ich muss so rasch als möglich zurück in die Schweiz und ins Lötschental.

Blatten, seine Bewohnerinnen und Bewohner, die ihre geliebte Heimat verloren haben, das war jetzt wichtiger als alles Andere. Die Bilder von Blatten, die ich dann sah, haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Und nicht nur in meines. Ein Land hat ein kollektives Gedächtnis: Die Bilder dieser Mondlandschaft im Tal und des immer noch staubverhangenen Berges, die Bilder von Häusern im langsam ansteigenden Wasser, diese Bilder gehören seit einem Jahr dazu.

Es sind Bilder der Zerstörung, Bilder, die verstören, und traurigerweise war auch ein Todesfall zu beklagen. Es gibt aber auch andere Bilder: Jene der Menschen aus Blatten. Wie sie gefasst das Unfassbare nicht nur ertragen, sondern im Moment des Verlustes auch nach vorne schauen. Wie sie tun, was in einem solchen Moment zu tun ist. Professionell, konzentriert, entschlossen und im Grunde zuversichtlich. Das sind Bilder der Hoffnung und des Aufbaus.

Was in Blatten geschah, war nicht einfach ein lokales Ereignis. Es war ein nationaler Moment. Ein Moment, der uns daran erinnert hat, wie verletzlich wir sind. Aber auch, wie stark wir sein können. Denn auf die Katastrophe folgte etwas, das ebenso eindrücklich war: die Solidarität unseres Landes. Menschen aus allen Regionen der Schweiz haben geholfen. Einsatzkräfte aus verschiedenen Kantonen standen Seite an Seite. Freiwillige packten an. Gemeinden spendeten. Unternehmen sagten Unterstützung für den Wiederaufbau zu. Der Bund handelte rasch und eng abgestimmt mit dem Kanton Wallis und den lokalen Behörden.

Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, was Föderalismus wirklich bedeutet. Föderalismus ist nicht Distanz zwischen Bern und den Kantonen. Die Schweiz funktioniert nicht von oben nach unten. Sie funktioniert miteinander. Die Gemeinde kennt die Menschen, die konkreten Bedürfnisse vor Ort. Der Kanton koordiniert und führt. Der Bund unterstützt dort, wo die Kräfte eines einzelnen Kantons an Grenzen stossen. Bund und Kantone «schulden einander Rücksicht und Beistand», heisst es in der Bundesverfassung.

Dieser Verfassungsgrundsatz hat sich in Blatten bewährt. Die Schweiz hat in ihrer Geschichte immer wieder erfahren, dass Naturereignisse ganze Regionen erschütterten. Die Walliserinnen und Walliser kennen das bestens. Es gab Lawinenwinter, Überschwemmungen, Bergstürze. Viele dieser Ereignisse waren Wendepunkte – nicht nur für die betroffenen Täler, sondern für das Land insgesamt.

Als 1806 Goldau verschüttet wurde, war die junge Eidgenossenschaft noch kaum gefestigt. Dennoch entstand damals bereits eine Solidaritätsbewegung aus der ganzen Schweiz. Menschen spendeten Geld, Lebensmittel und Baumaterial. Der Gedanke, dass man füreinander einsteht – über Kantons- und Sprachgrenzen hinweg –, wurde dadurch gestärkt. Nach den grossen Hochwassern des 19. Jahrhunderts begann die Schweiz, Flüsse zu korrigieren, Schutzbauten zu errichten und gemeinsame Sicherheitsstrukturen aufzubauen.

Aus Katastrophen entstanden Lehren. Aus Not entstand Zusammenhalt. Auch Blatten steht in dieser Tradition. Die Menschen hier mussten in kurzer Zeit enorme Belastungen ertragen: den Verlust von Heimat. Von Sicherheit, von Alltag, von Eigentum und von Lebensperspektiven. Viele Entscheidungen mussten rasch getroffen werden. Nicht alles war einfach. Nicht jede Frage konnte sofort beantwortet werden.

Eines war dabei besonders bemerkenswert: die Haltung der Bevölkerung. Die Schweiz hat in Blatten keine Resignation gesehen. Sie hat Zusammenhalt gesehen, Gemeinsinn und Verantwortungsbewusstsein. Das verdient Anerkennung und Respekt. Heute, ein Jahr später, wissen wir: Der Wiederaufbau endet nicht mit den ersten reparierten Wegen oder Gebäuden. Wiederaufbau braucht Zeit.

Die Reaktionen der Schweiz auf Blatten haben gezeigt: Die Bergregionen sind ein zentraler Teil unseres Landes. Die Sicherheit ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, ihre Lebensgrundlagen und ihre Zukunft sind eine gemeinsame Aufgabe. Gerade die Berggebiete haben die Schweiz geprägt – wirtschaftlich, kulturell und historisch. Sie sind Teil unserer Identität. Blatten erinnert uns auch daran, dass Naturgefahren im Alpenraum eine Realität sind und bleiben werden. Dem muss man begegnen.

Technische Massnahmen sind dabei wichtig. Aber sie genügen alleine nicht. Entscheidend bleibt etwas anderes: der Wille, nicht nur für sich, sondern auch füreinander Verantwortung zu übernehmen. Die Eidgenossenschaft ist in ihrem Wesenskern ein Versprechen gegenseitiger Unterstützung. Dieses Versprechen gilt besonders dann, wenn Menschen unverschuldet in Not geraten.

Vor einem Jahr wurde Blatten zum Symbol der Verletzlichkeit. Heute ist Blatten auch ein Symbol der Solidarität. Dafür danke ich allen, die geholfen haben: den Einsatzkräften, den lokalen und kantonalen Behörden, den Freiwilligen, den Nachbargemeinden, den Organisationen und den Vielen im ganzen Land und auch im Ausland, die Anteil genommen und unterstützt haben. Und vor allem danke ich den Menschen von Blatten. Sie haben uns gezeigt, was Zusammenhalt bedeutet und wie es gelingen kann, auch in schwierigen Zeiten den Blick nach vorne zu richten und die Zukunft anzupacken.

Es ist mir bewusst: Für viele Blattnerinnen und Blattner ist die Unsicherheit, die Trauer noch nicht vorbei. Der Wiederaufbau braucht Zeit. Der Wiederaufbau von Blatten, vor allem aber der Wiederaufbau von Heimat. Es braucht weiterhin Kraft und Mut, zuversichtlich nach vorne zu schauen, aber auch den Verlust zu verarbeiten.

Ich wünsche Ihnen, liebe Blattnerinnen und Blattner, viel davon. Sie sind zum Vorbild für uns alle geworden - und unsere Aufgabe ist es, Sie nicht zu vergessen. Ich danke Ihnen.

Bundesrätin Karin Keller-Sutter

Bundesrätin Karin Keller-Sutter zu Beginn der Debatte im Nationalrat

Biografie

Bundesrätin Karin Keller-Sutter ist seit Januar 2023 Vorsteherin des Eidgenössischen Finanzdepartments EFD und ist seit 2019 im Bundesrat. Zuvor war sie Ständerätin des Kanton St. Gallen.

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