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14. Mai 2002 - Eröffnung der EXPO 02 durch Bundespräsident Kaspar Villiger am 14. Mai 2002
Es gilt das gesprochene Wort
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Gäste aus dem Ausland!
Viele glaubten nicht daran, viele kämpften dafür, viele wollten es nicht, aber es ist Wirklichkeit geworden: Die Expo 02 steht. Das ist auch für den Bundesrat ein grosses Ereignis.
"La suisse n'existe pas". Dieses Motto brachte ein Künstler in die Weltausstellung von Sevilla ein. Wie immer der Künstler diesen Satz verstanden haben mag, im Volk führte er zu heftigen Reaktionen. Vielleicht traf er aber einen Teil unserer damaligen Befindlichkeit gar nicht so schlecht. Die neunziger Jahre waren in der Tat schwierig: Wirtschaftliche Stagnation, rekordhohe Ar-beitslosigkeit, Kritik an der Schweiz wegen ihres Verhaltens im Weltkrieg, schwierige Verhandlungen mit der Europäischen Union. Das Projekt der Expo kam nicht vom Fleck. Vieles lief schief, Selbstzweifel entstanden, die Politik wurde kontroverser, polarisierter. Das böse Wort von der Identitätskrise machte die Runde.
Wie meistens in schwierigen Zeiten mobilisierten die Schweizerinnen und Schweizer Reserven. Wirtschaft und Staat packten wichtige strukturelle Probleme an. Das Wachstum kehrte zurück. Die Arbeitslosigkeit sank. Die bilateralen Verträge mit der EU treten nächstens in Kraft. Die Geschichte des Weltkriegs wurde aufgearbeitet. Auf den Schock des Zusammenbruchs unseres Qualitätssymbols Swissair reagierten Politik und Wirtschaft ohne Verzug mit dem Aufbau der neuen interkontinentalen Airline "Swiss". Das Ja zur UNO zeigte eine weltoffene Schweiz, welche die gegenseitigen Abhängigkeiten der globalisierten Welt erkennt und mehr Verantwortung wahrnehmen will. Natürlich bleiben unsere politischen Auseinandersetzungen leidenschaftlich und kontrovers. Aber die Schweiz lebt und ist zukunftsfähig.
Die Expo-Geschichte passt haargenau in dieses Bild einer Schweiz zwischen Resignation und Gestaltungskraft, zwischen Zweifel und Selbstbewusstsein. Die Expo war von Anfang an umstritten. Das Projekt bewegte sich von Krise zu Krise. Im Parlament wurden leidenschaftliche Debatten geführt. Aber auf einen Schritt zurück folgten zwei nach vorn. Zahllose Menschen haben den Glauben nicht verloren und das grosse Vorhaben vorangetrieben. Ihnen allen will ich im Namen des Bundesrates danken. Stellvertretend für alle möchte ich nur vier Namen nennen: Franz Steinegger, Nelly Wenger, Martin Heller und Francis Matthey.
Vielleicht haben auch die Kritiker und Blockierer eine Funktion: sie fordern heraus, sie schärfen den Sinn für die Sorgfalt bei den Verantwortlichen. Aber Kritik allein schafft keine Werte. Es braucht jene Menschen, die, von einem Glauben beseelt, Risiken eingehen, zupacken und etwas tun. Sie bewegen das Land, sie bewegen die Welt. Sie schaffen eine Expo.
Danken möchte der Bundesrat auch den Eidgenössischen Räten, den Kantonen, den Gemeinden im Dreiseenland und ihrer Bevölkerung. Sie haben der Expo trotz aller Schwierigkeiten die Stange gehalten.
Die Schweiz verfügt nicht über die nationalen Bindekräfte einer gemeinsamen Sprache und einer durchwegs gemeinsamen Kultur. Trotzdem ist ihre Geschichte eine Erfolgsgeschichte. Was nicht natürlich zusammengehört, braucht andere Bindekräfte. Dazu gehört unsere politische Kultur mit der direkten Demokratie, mit dem Respekt vor Minderheiten, mit dem Föderalismus, mit dem Einbezug des zivilen Know hows in die Politik durch das Milizprinzip, mit der Teilnahme der wichtigsten politischen Kräfte an der Regierungsverantwortung und mit der gelebten Solidarität. Diese politische Kultur erlaubt die maximale Beteiligung möglichst breiter Kreise an der politischen Willensbildung und wirkt dadurch integrierend.
Das allein genügt nicht. Am nationalen Zusammenhalt eines Landes mit so vielen auseinanderstrebenden Kräften muss stets bewusst gearbeitet werden. Es ist dies eine permanente kulturelle Leistung Etwa einmal pro Generation kann auch eine Landesausstellung als verbindendes Gemeinschaftswerk einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt des Landes leisten, zum gegenseitigen Verstehen über Sprachgrenzen, Regionen und Generationen hinweg.
Wir wären aber nicht die Schweiz, wenn dieses Werk des Zusammenhalts uns nicht zunächst eher gespalten hätte. Das war schon 1896, 1914, 1939 und 1964 so. Aber jedes Mal, nach der Eröffnung und in der Erinnerung, trugen die Landesausstellungen zu unserer Identität bei und machten uns stolz. Dass dies auch dieses Mal so sei, ist der Wunsch des Bundesrates.
Jede Landesausstellung war vom Geist ihrer Zeit geprägt. Was die Expo 02 genau ausdrückt, werden wir erst spüren, wenn sie lebt, wenn Menschen aus allen Landesteilen und aus dem Ausland sie besuchen. Sie wird die heutige Schweiz mit allen Gemeinsamkeiten und Widersprüchen reflektieren. Aus einem Mosaik von Natur, Kunststoff, Wasser, Stahl und Luft entsteht jene unver-wechselbare Kulisse, welche die Menschen mit Leben erfüllen werden, mit Abenteuer, Begegnung, Besinnung, Dialog, Kontroverse, Experiment und, vor allem, Festfreude.
Wir sind ein kleines Land in einer Welt, die sich immer rascher wandelt und die immer vernetzter wird, in einem Europa, dessen Völker näher zusammen rücken. In dieser Welt muss die Schweiz ihre Zukunft gestalten. Dies kann uns die Expo nicht abnehmen. Aber als Stätte der Begegnung, des Dialoges, der Kultur, der Kontroverse, des Traums, als Werkstätte neuer Ideen kann sie Impulse vermitteln zur gemeinsamen Bewältigung dieser Zukunft. Der Bundesrat ruft Schweizerinnen und Schweizer auf, die Expo zu besuchen und mit Leben zu erfüllen. Dann wird sie viel mehr sein als eine Ausstellung. Dann könnte man das Motto aus Sevilla abwandeln und feststellen "l'expo existe, donc la suisse existe"!
14. Mai 2002
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